Vorwort
Einer, der nicht dazugehört, nicht durch
Verträge geschützt ist, hinter dem keine
Macht steht, ein Fremder, ein bloßer
Mensch, ist restlos preisgegeben.
Max Horkheimer
|
"Ob wir bleiben dürfen oder gehen müssen,
ob wir zusammengedrängt auf Standplätzen überwintern
müssen oder in Ghettowohnungen leben, ob unsere Kinder in Sonderkindergärten,
Sonderklassen, Sonderschulen erzogen werden und von wem, ob wir je
Arbeit bekommen oder die Erlaubnis Gewerbe zu betreiben, ob wir in
eine Kneipe reindürfen, ob ihr uns wie Zirkustiere bestaunt und
beklatscht oder als Fremde verachtet, ob man uns einmal auch als einzelne
Menschen beachtet, oder immer nur alle in einen Topf geworfen werden:
all das hängt von Euch ab. Von Euren Entscheidungen über
uns und ohne uns! Selbst ob wir leben durften oder nicht, hing jahrhundertelang
von Eurer Gnade ab! Ihr habt uns registriert, umstellt und eingezäunt,
seßhaft gemacht oder deportiert, uns die Kinder weggenommen,
"zivilisiert" und missioniert, betreut und erzogen, angepaßt
und kriminalisiert, verarztet und verteidigt, beraten, unterstützt
und vertreten, für uns diskutiert, gesprochen, geschrieben, verhandelt,
demonstriert, politisiert - ohne uns.
Immer waren wir Euer “Problem“, Eure “Randgruppe“,
Eure “Klienten“, Eure “Minderheit“, Eure “Leute“,
Eure “Roma“, Eure “Objekte“, Eure “Opfer“,
wart ihr unsere Wohl- und Übeltäter. Und es hat Euch gut
getan. Ihr habt durch uns Arbeitplätze bekommen und verdient,
Karrieren auch in der Wissenschaft gemacht und Ansehen gewonnen, Befriedigung
oder auch Enttäuschung, jedenfalls Leben und zwar in Sicherheit.
Wenn ihr nicht mehr wolltet, waren wir wieder allein.
Wir möchten dies alles selber können: Arbeiter und Unternehmer,
Angestellte und Beamte, Ärzte und Rechtsanwälte, Erzieher,
Lehrer und Sozialarbeiter, Priester und Journalisten, Studenten und
Professoren, Publizisten, Richter und Politiker, Bürgerinnen
und Bürger. So wie ihr und Eure Kinder. Dazu brauchen wir allerdings
Eure Solidarität und zwar von gleich zu gleich."
Übersetzt und zusammengestellt nach Gesprächen mit Romafamilien
in Köln, von Fatima Hartmann und Sefeden Jonuz. Ellen Leidgeb,
Nicole Horn, “Opre Roma!”, S. 9.
|
| |
|